Les Hommes Sauvages präsentieren: Vive La Trance

03.10.2010 Günter Ramsauer



Les Hommes Sauvages Vive La Trance - Disques Sauvages
Les Hommes Sauvages Vive La Trance - Disques Sauvages
Erfolg ist wenn man's trotzdem macht. Der dritte Streich von Les Hommes Sauvages trägt den Titel „Vive La Trance". Indie-Pop und Rock'n'Roll Noir aus Berlin

Wie die Vorgänger „Playtime“ und „Trafic“ wurde auch das dritte Album der deutschen Band auf dem hauseigenen Label Disques Sauvages veröffentlicht. Und wieder ist es ein traumhaft schöner Songreigen, der letztlich das große Ganze namens „Vive La Trance“ wird. Wo andere deutsche Bands kaum den Entscheidungsprozess „deutsch oder englisch singen“ überstehen, singen die wilden Menschen in Französisch, Englisch und Deutsch. Nicht nur das ist einmalig an den Berlinern.

Les Hommes Sauvages spielen Fehlfarben

Alles wieder da: das geheimnisvolle Intro, der tief grummelnde Bass, das variable melodisch-rhythmische Schlagzeugspiel, Kristof Hahns unvergleichliche Stromgitarre und die bezaubernde Stimme von Viola Limpet. Der Einstieg des neuen Albums „Vive La Trance“ verspricht viel und hält noch viel mehr. Der Eröffnungssong, so stellt sich heraus, ist eine Coverversion von „Gottseidank nicht in England“, der epochalen Fehlfarben LP „Monarchie und Alltag“ entnommen und wird nicht nur der spukenden Orgelläufen wegen zum lupenreinen Les Hommes Sauvages Song. Die Hälfte der zehn Lieder sind aus fremder Feder, doch was heißt das schon bei den Berlinern, ihren ureigenen Sound hat die Band längst gefunden.

Les Hommes Sauvages interpretieren Thin White Rope und Lee Hazlewood

Die Band Thin White Rope hatte einst einen Song mit dem Titel "Mr.Limpet", die Les Hommes Sauvages Sängerin trägt den Namen Viola Limpet, zumindest die Seelenverwandtschaft ist also nicht von der Hand zu weisen. Auf „Vive La Trance“ covern sie nicht zum ersten Mal einen Thin White Rope Song, in diesem Fall „Astronomy“, der Ende der 1980er auf deren Werk „In The Spanish Cave“ erschien. Kristof Hahn und Gary Schmalzl lassen die Westernstromgitarren vibrieren und die wie für einander geschaffenen Singstimmen im Duett Limpet/Hahn sucht man in deutschen Landen vergebens, da muss man schon internationale Vergleiche bemühen: Jane Birkin & Serge Gainsbourg sowie Nancy Sinatra & Lee Hazlewood sind dabei keineswegs zu hoch gegriffen. Von eben jenem Hazlewood wird „Your Thunder And Your Lightning“ nachempfunden. Ein weiteres betörendes Duett (dieses Mal Limpet und Bela B), das von Mike Strauss’ furiosem Orgelspiel vorangetrieben wird. Der Mann setzt dieses Mal ganz besondere Akzente sowohl mit psychedelisch-flächigen Keyboards als auch poetischem Pianospiel.

Les Hommes Sauvages interpretieren John Cale und July 14th

Einer der schönsten John Cale Songs trägt den Titel „Dying On the Vine“, das Original findet sich auf der LP „Caribean Sunset“, die 1983 erschien. Unsere Berliner tragen den Song mit den gemischt geschlechtlichen Stimmen, zarten Pianotönen und dezenten Gitarrenlicks in ein fremdes, dennoch vertrautes Traumland. Die härtere Gangart, der Rock’n’Roll Noir wird auf July 14th' „Me And My Gun“ gefahren. In der Les Hommes Sauvages Version klingt das, als würden die Stooges Johnny Cash covern, wäre da nicht wieder der Duett Gesang und das fiese Orgeln von Mike Strauss. Hahns Stimmbänder schwingen und twangen mit den unter Starkstrom stehenden Gitarren (neben Hahn greift wieder der außergewöhnliche Gary Schmalzl in die Saiten) und der Bass von Stephan Schulz füllt tiefgründig den Klangraum. Die prächtige Harmonie zwischen Bass und Schlagzeuger (verteilt auf Thomas Fietz, Thomas Wydler und Anthony Pieretti) ist ein weiteres Merkmal für die Qualität von Les Hommes Sauvages.

Vive La Trance: Die Eigenkompositionen mit dem Lyriker Eric LeMarechal

Eines der Eigengewächse der Berliner trägt den Titel „Jean Genet“, auch wenn man des Französischen nicht mächtig ist, berührt der Song zutiefst. Desgleichen lässt sich über „La Riviere“ sagen: Indie-Pop und Chanson-Zauber im Balladenformat zum Zurücklehnen, Träumen und Genießen. Songs, die Melancholie, Poesie und Leichtigkeit atmen. Die gleichen Zutaten zeichnen das im mittleren Tempobereich spielende „Nouveaux Dans La Ville“ aus. Die französischen Songs sind in Zusammenarbeit mit dem französischen Lyriker und ehemaligen Chansonier Eric LeMarechal entstanden.

Kristof Hahn: Koolkings revisited

„Sad And Lonesome“ ist ein Song von Kristof Hahn, den er für seine leider nur kurzlebige Band Koolkings schrieb, die das wunderbare Album „Shocked And Amazed“ unter der Mitwirkung des legendären Alex Chilton hervorbrachten. Wieder eine Ballade zum Verlieben, zum Niederknien.

Viola Limpet: Halbe Nacht

Das finale „Halbe Nacht“ hat Viola Limpet im Alleingang geschrieben. Der Text ist einfach genial, von poetischer Simplizität und lyrischer Aufrichtigkeit, die man hierzulande in dieser Form nur von Element Of Crime zu hören bekommt. Neben Violas wunderbarer Stimme, die vom magischen Popzauber der Band umgarnt wird, ist der Gastauftritt von Martin Klingenberg an der Trompete hervorzuheben.

Vive Les Hommes Sauvages

„Vive La Trance“ kann man über die Homepage von Les Hommes Sauvages, diverse Plattenläden in Berlin sowie Glitterhouse Mailorder erwerben. Ihr drittes Album zeigt wie unverkrampft eine deutsche Band die Popmusik beleben kann. Dass sie internationales Format hat, muss wohl nicht mehr extra erwähnt werden. Mit dem großartigen „Trafic“ hatten sie die Messlatte hochgelegt, Limpet, Hahn & Co. nahmen diese Hürde mit einer Leichtigkeit, die Staunen macht. Bitte vormerken für die Jahres Top Ten. Vive La Trance! Vive Les Hommes Sauvages!

Les Hommes Sauvages – Vive La Trance (Disques Sauvages / VÖ: 14.10. 2010)

Urheberrecht: Günter Ramsauer. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.